Kinderfasching auf der CeBIT 2010 – (m)ein Rundgang über die Messe für Informationstechnik

Posted on 04 März 2010 by admin

Alles schon im Internet gesehen, 1.100 Kilometer Autobahn, Aussteller- und Besucherrückgang. Gründe die gegen einen CeBIT-Besuch sprechen, gibt es genug. Gegenüber steht der olympische Gedanke “Dabei sein ist alles.” und schließlich “muss man alles mal gesehen haben”. Einen echten Mehrwert gibt es für die Besucher, wenn man mal abseits der vielen Stände schaut. Auf den ersten Blick erschlägt den Technikfreak die Größe des Geländes, die immer noch zahlreichen Aussteller und eine totale Reizüberflutung beim Betreten der Consumer-Hallen. Mehr oder weniger in Reih und Glied reihen sich die Stände der Hersteller aneinander. Mehr oder weniger interessant ist auch das Angebot. Und: Mehr oder weniger gut frequentiert ist eine Messebude.

Für modebewusste Geeks

Bewaffnet mit einem Interessenplan, Wurstsemmeln und Getränkevorrat geht es rein in den Besucherstrom wie bei Schulwandertag anno dazumal. Schnell kehrt Ordnung in die Stimmenvielfalt und der natürliche Trieb im Kreis zu laufen erleichtert die Navigation in der ersten Halle. Schnell den einen, ganz persönlich notierten interessanten Stand besuchen. Blöd, wenn genau dann ein (wahrscheinlich) hochrangiger, wichtig aussehender Mann von Fotografen zum Fototermin gerufen wurde. Viel war hier nicht zu sehen, also nur nicht aufhalten lassen und weiter. Stück für Stück geht’s mal mit, mal gegen den Strom von Halle zu Halle. Ein paar gelegentliche Stops, ein kleiner Smalltalk um festzustellen, dass das Schulenglisch doch nicht mehr so gut sitzt und das erste belegte Brötchen weiter kommen Zweifel auf ob diese Messe wirklich fünfeinhalb Stunden Fahrt wert ist.

Weiter geht’s zu ersten Mal in die Endverbraucherhallen. Hier ist es lauter. Klar, schließlich tanzen hier technikunbegabte (und teils auch tänzerisch unbegabte) Girls ihren Ed-Hardy-Marketing-Jive. Peinlich gerührt bleiben die einen stehen und schütteln den Kopf, johlend fordern die anderen mehr Haut wie bei einer Tuning-Show in Essen. Dort dürfte der Hersteller auch mehr Chancen bei der Vermarktung seiner Artikel haben als auf der CeBIT.  Der Nerd im Computerfreak wird gleich nebenan bei getdigital.de befriedigt. Nutzloser Krimskrams sagen die einen, das schönste Spielzeug für Geeks die anderen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. In der selben Halle erfährt man, dass “pearl unsexy” ist, aber ein unschlagbares Preisleistungsverhältnis bietet. Bei einem sympathischen Gespräch von Redakteur/Blogger zu Pressesprecher kommt man sich eben näher. Dafür gibt es demnächst auch eine Überraschung für die wackyneighbour.de-Leser. Zahlreiche Handyhersteller und einige Kopfhörervertreter aus Fernost weiter, geht es einmal quer übers Gelände.

Geschmierte Stullen in der Blogger Lounge

Twitterlesung WEBciety steht auf dem Flyer. WEBciety steht wiederum für alles was man eben nicht mal eben anfassen kann, Internet-Entwickler eben und  das Web im Allgemeinen. Sevenload, Tagesschau und Telekom teilen sich etwa ein Drittel der Halle 6 mit vielen kleineren Unternehmen. Interessante Angebote und eine toller Wassersprinklershow beim rosa Riesen feseln nicht nur das Fachpublikum. Mittendrin teilen sich fünf “Größen” der Social Network-, Internet- und Bloggingszene ein Bühne. Im Hintergrund laufen Tweets über die Leinwand, der sprechende Experte schaut daneben vom Livebild herab. Es wird gesprochen, diskutiert und zugestimmt. Auf der Twitterwall reihen sich kritische Nachrichten mit witzigen a la: “Wie? Von der CeBIT gibt’s nen Livestream. Dann hätte ich mir die Fahrerei sparen können.”

Ich spare mir derweilen lieber die schlechte Akkustik während des Vortrags und ruhe mich nebenan auf einem Lederklotz in der Blogger Lounge von t3n aus. Messehostessen genießen hier ihre geschmierten Stullen, Teenager stellen Hocker im Kreis auf und lästern über die gestrige Schulaufgabe und zwei Damen im Business-Kostüm machen das Bild zum völligen Durcheinander. Eines ist klar: Gebloggt wird hier gerade nicht. Green IT hört sich auf dem Messeplan nach einer interessanten Sparte an. Fail. Wenige Aussteller, fast ausschließlich für große Unternehmen interessant erleichtern die Entscheidung ob doch eine Tagespunkt gestrichen werden muss.

“Fette Preise einsacken”

Apropos Pause. Wo sind die Energydrink verteilenden und Luftballon in die Hand drückenden Wegversperrer von früher eigentlich hingekommen. Im Laufe des Tages steht der Zähler gerade mal bei drei fleißigen Hostessen, die ihren Job gut machen und den Weg geschickt zu ihrer Firma weisen. Nur nicht ablenken lassen, die Zeit drängt – weiter, weiter, immer weiter. Eigentlich sind Stände an denen sich Menschenmassen sammeln sowieso eher uninteressant. Denn: Dort wollen lediglich eifrige Moderatoren wenig hübsche Werbegeschenke unters junge Volk bringen. Der geschäftige Mann mit dem Mikrofon in der Hand braucht nur eine Frage stellen und schon schießen 50 Hände in die Höhe – nur in der Hoffnung ,auch die richtige Antwort zu kennen und einen “fetten” Preis “einzusacken”.

Teils überwältigend ist die Auswahl an “Hightech”-Kopfhörern aus Fernost. Es scheint, als seien gerade die richtig schön Großen, die eigentlich mit dem Ende des letzten Jahrtausends ihre Daseinsberechtigung verloren, richtig in. Nein, diese Kopfhörer sind nichts für die heimische Hifi-Anlage (sofern es diese überhaupt noch gibt). Mit ordentlich Blingbling und Designs für jeden Geschmack wollen die Bügel samt Ohrmuschel präsentiert werden. Jeder soll sehen, dass man edles Weiß bevorzugt, mit Hello Kitty schmust oder doch der Spielertyp ist. Nebenan dreht ein DJ eifrig am Plattenteller und jagt wummernde Bässe durch Miniboxen. 4 Zentimeter im Durchmesser und ein Klang der jeder Disko Konkurrenz macht sind interessant. Leider halten die Boxen beim Anstecken des eigenen iPods nicht was die orangene Brille des DJs verspricht. Sieht aus, als ob der Plattendreher da ein wenig schummelt.

Ohrenbetäubend wird es auch, als eine Gruppe männlicher Teenager durch die Halle zieht. Bewaffnet mit Tröten, halten die Jungs im Abstand von 15 Metern Kontakt zueinander. Es hört sich an als ob, etwa 20 Enten vor dem sicheren Tod einer Bleikugel fliehen. Die südkoreanische Vertreterin quittiert es mit einem Kopfschütteln. Mehr Erfolg scheinen die Erpel bei einer Gruppe junger Mädels zu haben. Irgendwie würden die auch verdammt gut ins Bild passen. Mit einheitlichem rosa Hütchen stehen die Girlies im Kreis und tuscheln. Das Imponiergehabe der “Männer” scheint zu fruchten. Wir lassen den Dingen ihren Lauf und gehen weiter.

3D-Kino mit Lichtblick

Eigentlich verheissen Menschenansammlungen ja nichts Gutes. Der gut besuchte Stand von Carl Zeiss sollte da eigentlich eine gute Abwechslung sein. Fehlanzeige. Nach fünf Minuten sehe ich durch eine Carl Zeiss cinemizer Plus. Die Brille verspricht “Kinoerlebnis für unterwegs” und zwar in 3D. Leider hält der Spruch nicht was er hält. Zwar ist zu erkennen, dass der Film in 3D ist, bauformbedingt bilden sich aber riesige und extrem störende  Lichtschlitze über und unter der Brille. Im Gespräch mit der Messehostesse erfährt man, dass Sie doch ziemlich meiner Meinung ist, sogar im Ergebnis liegen wie auf einer Wellenlänge: Ein guter Anfang, stark verbesserungswürdig und das Geld sicher (noch) nicht wert. Überhaupt sieht vieles danach aus, als stecke das ultrawichtige Technikteil noch in den Kinderschuhen und übt in den Firmenlabors das Laufen.

Sieben Stunden später, zwei Firefox-Buttons und einige Prospekte in der Tasche ist Schluss mit CeBIT. Am Ausgang läuft einem mal eben noch schnell Blogger Sascha Lobo über den Weg und dann geht es nach Hause…

Die CeBIT ist interessant – ohne Zweifel. Fachpublikum, Nerds, Schulklassen und Werbegeschenkmessis geben sich die Klinke in die Hand. Ebenso bunt ist die Mischung der Hersteller. Vom Plastikramsch und USB-Spielzeug über Anwendersoftware und Lösungen für die Zukunft bis hin zu Hightech und den zukünftigen Verkaufsrennern finden die Beucher alles was das Technikherz höher schlagen lässt. Man muss es eben mal selber gesehen haben…

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